Warum die Lebenskunst heute so wichtig ist

Der Mensch des 21. Jahrhunderts ist oft so wie sein Nachbar - ob er es muss oder ob er es darf. Im ersten Fall lebt er in einem totalitären System, in dem ihm jegliche Entscheidungen in Lebensfragen abgenommen werden (Frankl, 2014, S. 157). Es gibt einen strengen Regelkatalog, nach dem er zu leben hat und im Fall eines Verstoßes erfolgt Bestrafung. Im zweiten Fall lebt der Mensch in einer Gesellschaft, wie der deutschen, in der ihm eine Vielzahl an Lebensmöglichkeiten offensteht. Und doch lebt er so oder so ähnlich wie sein Nachbar (vgl. Konformismus, ebd.).

 

In einem Bildungssystem, das ihn zu Fehlervermeidung und Leistungssteigerung erzieht, lernt der Mensch des 21. Jahrhunderts schnell, dass es einen richtigen Weg gibt, den er zu befolgen hat, und dass neue Denkweisen unerwünscht sind (Robinson, 2006). Nicht aufzufallen, also möglichst normal und wie die anderen zu sein, bringt ihm später im Leben ein psychiatrisches System bei, von dem es stets einen sicheren Abstand aufrechtzuerhalten gilt (Schmid, 2000, S.44). Über soziale Medien erfährt er außerdem von gesellschaftlichen Idealbildern, sowohl was das Aussehen als auch den erwünschten Lebensweg betrifft. Es scheint so, als bekomme der Mensch aus unterschiedlichen Richtungen hilfreiche Leitplanken für seinen Lebensweg mit.

 

Das Leben nach einem äußerlich errichteten Ideal scheint ein Individuum jedoch keineswegs zu erfüllen. Frankl (2014, S. 142) berichtet in diesem Zusammenhang vom „existenziellen Vakuum“, das den Menschen befalle. Offensichtlich vermögen gesellschaftliche Idealbilder es nicht, die Existenz des Individuums zu erfüllen. Offensichtlich führt das Leben nach Modell sogar zu Langeweile, Leere und Sinnlosigkeitsgefühl. Bei dem vergeblichen Versuch, die Langeweile und innere Leere auszufüllen, sucht das Individuum, nach Ablenkungsmöglichkeiten in Form von Unterhaltung und Konsum. Dieses Verhalten täuscht jedoch nicht über den Umstand hinweg, dass sich, in Form von Tatsachen, Lebensfragen aufdrängen. Besonders in Krisenzeiten, in Zeiten des Übergangs von Lebensumständen und bei Verlusten, stellt das Leben dem Menschen existenzielle Fragen: Wer möchtest du sein? Wie möchtest du dein Leben gestalten? Was ist dir wirklich wichtig im Leben?

 

Dem gewohnten Muster folgend, kauft der Mensch Ratgeber. Sie können ihm individuelle Fragen aber nicht beantworten. Sie können den einzigartigen Existenzen niemals gerecht werden, die in ihnen nach individuellem Sinn suchen. Der Mensch schaut sich nach sinnhaften Leitplanken um, die er, im besten Fall, noch bei seiner Familie hatte, als er ein Kind und Jugendlicher war (Schmid, 2013b). Hat er in dieser prägenden Zeit aber nicht gelernt, sich aus einer inneren Orientierung heraus auf Sinn hin zu orientieren und sein Leben gestaltend in die Hand zu nehmen, wird er, auch als Erwachsener, immer wieder im Außen nach Leitplanken suchen.

 

Die Konsumwirtschaft ist auf seine Abhängigkeit angewiesen, wird ihm also kaum, Lösungen aufzeigen, durch die er in sich Orientierung finden und sich von äußeren Diktaten emanzipieren könnte. So wird der Mensch, der im Kleinen nicht gelernt hat, Leben zu gestalten und auf Sinn hin zu orientieren, auch auf die großen Fragen keine Antworten finden. Die Vielzahl an Herausforderungen der modernen Gesellschaft, welche ihm täglich medial vor Augen geführt werden, lassen ihn verzweifeln (Safranski, 2015, S. 100). Denn sie konfrontieren ihn mit seiner persönlichen und der gesellschaftlichen Ohnmacht angesichts der Notwendigkeit neuer Lösungen.

 

Ein Gegenentwurf hierzu, ist eine Gesellschaft wahrlich befreiter Individuen, die nicht nur von der theoretischen Option der Freiheit wissen, sondern auch in der Praxis der Freiheit - in der Lebenskunst - geschult sind. Die Menschen in dieser Gesellschaft könnten Gestaltungsmöglichkeiten in ihrem Leben wahrnehmen. Sie könnten aus einer Selbstkenntnis heraus, sinnvolle Lebensmöglichkeiten auswählen oder schaffen und diese, dank ihres freien Willens, realisieren. Sie könnten ihr Leben so gestalten, dass eine Stimmigkeit entsteht. Gleichheit würde in dieser Gesellschaft nicht mehr „Dasselbe-Sein“ (Fromm, 1995, S. 31) bedeuten, sondern, dass in ihr gleichberechtigte, individuelle Wesen als Teil eines großen Ganzen leben.

 

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Literatur:

Frankl, V. E. (1946). Ärztliche Seelsorge. Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse. Wien: Franz Deuticke.

Frankl, V. E. (2014). Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn (26. Auflage). München: Piper.

Fromm, E. (1995). Die Kunst des Liebens, 2. Auflage. München: dtv.

Robinson, K. (2006, Juni). Do schools kill creativity? Verfügbar unter http://www.ted.com/talks/ken_robinson_says_schools_kill_creativity/transcript?language=en [10.01.2017].

Safranski, R. (2015). Zeit. Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen. München: Carl Hanser.

Schmid, W. (2000). Auf der Suche nach einer neuen Lebenskunst. Die Frage nach dem Grund und die Neubegründung der Ethik bei Foucault. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Schmid, W. (2013b). Swiss Business TV: Prof. Dr. Wilhelm Schmid. Verfügbar unter https://www.youtube.com/watch?v=T-3wiEgfSOc [15.12.2016].

Lebenskunst

Der Lebenkünstler [...] ist weitblickender als Andere, da er im weiten Horizont der Vielfalt gemachter und möglicher Erfahrungen lebt, leidenschaftlich und abgeklärt zugleich; einer, dem man Klugheit zutrauen kann, der aber neugierig genug bleibt, um immer wieder neue, ungewisse Erfahrungen zu riskieren; einer, der in jeder Hinsicht unterwegs ist. So steht er mitten im Leben und zugleich weit außerhalb, um die Dinge und sich selbst von Außen zu sehen, eine ebenso schmerzliche wie lustvolle Erfahrung.

(vgl. Wilhelm Schmid (1998). Philosophie der Lebenskunst - Eine Grundlegung, S. 94)